Torsten Wywiol über globale Agrarmärkte und die Food ingredients Europe

„Wir müssen mit Krisen
umgehen können“

Kreative Konzepte gehören seit jeher zum Erfolgsrezept der Stern-Wywiol Gruppe – in der Kunst wie im Unternehmen. Dies gilt ebenfalls für den Umgang mit Krisen, die auf den internationalen Agrarmärkten zum Tagesgeschäft gehören. Thomas Wiese und Joanna Grohn sprachen mit Torsten Wywiol, CEO der Stern-Wywiol Gruppe darüber, wie es gelingt, unabhängig und erfolgreich zu bleiben, und gibt einen Ausblick auf die Trendthemen der Food ingredients Europe in Frankfurt.

LT: Herr Wywiol, heute leben etwa 7,5 Milliarden Menschen auf der Welt. Bis zum Jahr 2050 sollen es nach einer Schätzung der Ernährungs- und Landwirtschaftsorganisation der Vereinten Nationen (FAO) zehn Milliarden Menschen sein. Welche Rolle übernehmen die Anbieter von Lebensmittelzusatzstoffen angesichts dieser Entwicklung?

Torsten Wywiol: Die Bedeutung der Anbieter von funktionellen Ingredients wird weiter zunehmen, insbesondere aufgrund des starken Bevölkerungswachstums in den Schwellenländern.

LT: Sie sprechen von Afrika und Asien, die klassischen Wachstumsmarkte... Wywiol: In Schwellenländern wie China, Sudafrika oder Russland entsteht derzeit eine neue Mittelschicht, die sich an unseren Ernährungsgewohnheiten orientiert. Hier steigt der Bedarf an Lebensmitteln kontinuierlich. Das Gleiche gilt für die Anspruche der Konsumenten.

LT: Inwiefern verändern sich diese?

Wywiol: Lebensmittel, die die Themen Convenience und Haltbarkeit vereinen, werden immer relevanter – beides Themen übrigens, die zu den Starken der Stern-Wywiol Gruppe gehören.

LT: Convenience hat in Europa jedoch ein anderes Gesicht als in Sudamerika...

Wywiol: ...was in erster Linie an den strukturellen und wirtschaftlichen Voraussetzungen vor Ort liegt. Während in Industrieländern wie Deutschland derzeit beispielsweise vegane Salatdressings oder Joghurts für Wachstum sorgen, boomt Pasta in den Schwellenländern. Trotz aller lokalen Besonderheiten: Am Ende muss die Pasta bissfest sein – auch in Sudamerika oder Asien.

LT: Wieso ist gerade Pasta ein Dauerthema für Ihre Anwendungstechnologen?

Wywiol: Viele Länder in diesen Regionen können sich keinen Hartweizen leisten. Bei Sternenzym haben wir bereits fertige Lösungen für diese Markte entwickelt, beispielsweise beispielsweise eine Kombinationen aus Hart- und Weichweizen, die eine gleichbleibende Qualität gewährleistet.

LT: Agrarrohstoffe haben sich zu einem hochspekulativen Markt entwickelt. Vier Konzerne dominieren den Handel: Archer Daniels Midland, Bunge, Cargill und die Louis Dreyfus Company...

Wywiol: Das betrifft in unserer Gruppe vor allem die Vitamine. Hier steigen teilweise die Preise jede Woche um 50 bis 100 Prozent. Es sind allerdings nicht nur die Spekulationen an den Rohstoffmarkten, die zu einer Verknappung fuhren und die Preise in Hohe treiben...

LT: Welche Faktoren spielen noch eine Rolle?

Wywiol: In China ist die Verknappung die Folge einer geschickten und gewollten Verteilungspolitik. Einige Rohstoffe sind am Markt gar nicht erhältlich.

LT: Chinas Rohstoffhunger ist seit Jahren ein Thema auf den Weltmarkten. Wachst da bei Ihnen als mittelständisches Unternehmen nicht die Angst vor Engpassen?

Wywiol: Dank unserer 15 Auslandsgesellschaften können wir sehr flexibel auf die Entwicklung an den Markten reagieren. Wir versuchen, uns möglichst unabhängig zu machen von wirtschaftlichen Krisen. Die Schlüsselfaktoren für die gesicherte Versorgung mit Rohstoffen sind unsere zuverlässigen Partner vor Ort und die Bildung strategischer Allianzen.

LT: ...und mit welcher Strategie antworten Sie auf die Anforderungen in China?

Wywiol: In China ist es besonders wichtig, vor Ort zu sein. In unserem Technologiezentrum in Suzhou, nahe Shanghai, sind rund 50 Mitarbeiter tätig, wovon einige die Qualitäten der lokalen Rohstoffe bestimmen und mit unseren Ansprüchen vergleichen. Ansässige Unternehmen als zuverlässige Lieferanten oder Kunden zu gewinnen, ist hier schwerer als in anderen Ländern.

LT: Abgesehen von China – Was begrenzt die Auswahl der Rohstoffe im Ausland?

Wywiol: Generell setzten wir verstärkt auf Rohstoffe, die lokal vor Ort zu beziehen sind. Deswegen verwenden wir in unserem kürzlich eröffneten Technologiezentrum in Nigeria auch Produktlosungen gemischt mit lokaler Tapiokastarke aus Maniok, und nicht teuer importierte Kartoffelstarke. Sowohl das Produkt als auch das kulturelle Umfeld limitieren zudem die Auswahl der Rohstoffe – beispielsweise bei Fleischwaren, wenn Sie an koschere oder halal-zertifizierte Lebensmittel denken.

LT: Neben wirtschaftlichen Aspekten durften auch politische Spannungen eine Rolle spielen, wie zuletzt in der Russland-Krise...

Wywiol: Die Einfuhr unserer Produkte war zwischenzeitlich von den Sanktionen betroffen. Unabhängigkeit ist aber auch hier das Stichwort: Gerade in der Krise haben wir in Russland investiert. Die Rohstoffpreise an den Markten verändern sich ständig, der Dollar schwankt und es gibt immer lokale Krisenherde – als inhabergeführtes, konzernunabhängiges Unternehmen müssen wir damit umgehen können und flexibel auf diese Gegebenheiten reagieren.

LT: Sie verkaufen Ihre Losungen derzeit in über 130 Länder. Das weltweit führende Event der Branche ist die Food ingredients Europe, die Ende November in Frankfurt stattfindet. Welche Bedeutung hat die Messe für die Stern-Wywiol Gruppe?

Wywiol: Die Food ingredients Europe ist die wichtigste Messe überhaupt für uns. An unserem Gemeinschaftsstand sind daher acht unserer Unternehmen vertreten. SternVitamin präsentiert einen neuen Premix für gesunde Knochen und Herz. Die Mischung an Mikronährstoffen greift den Trend zu angereicherten Produkten auf Wasserbasis auf.

LT: Was hat sich hier in den vergangenen Jahren getan?

Wywiol: Früher dominierten Fitnessriegel mit einem Proteingehalt von maximal 30 Prozent, heute finden Sie Produkte mit bis zu 56 Prozent im Einzelhandel. In unserem Stern-Technology Center in Ahrensburg arbeiten wir an solchen Low Carb-/High Protein-Riegeln.

LT: Welche Relevanz hat der Clean Label-Trend für Sie?

Wywiol: In Afrika oder Sudamerika ist Clean Label naturgemäß kein Thema. In den USA und Kanada finden Sie an jeder Ecke Produkte mit dem "Free off"-Label, gefolgt von einer langen Liste an Zutaten, die das Produkt nicht enthalt.

LT: Wozu immer häufiger auch Zutaten tierischen Ursprungs zahlen...

Wywiol: Vegetarisch und vegan ist in Deutschland fast schon ein alter Hut, international betrachtet ist es das hingegen noch nicht. Daher rucken wir es auch auf der Food ingredients Europe in den Mittelpunkt. Mit veganen und vegetarischen Losungen beschäftigen sich zum einen unsere Produktentwickler bei Hydrosol, die an Stabilisierungs- und Texturierungssystemen für Fleisch- und Milchwaren arbeiten. Aber auch bei Herza widmen wir uns diesem Thema.

LT: Welche Innovationen erwarten die Messebesucher am Stand?

Wywiol: Zwei vegane Alternativen zu Milchschokolade. Eine Sorte enthält anstelle von Vollmilch Reis und zusätzlich Amaranth. Die zweite, hellere Sorte basiert auf Kokosmilch und hat einen dezenten Kokos-Geschmack. Beide Schokoladen sind vielfaltig einsetzbar, beispielsweise in milchfreien Alternativen zu Joghurt oder aber in Muslis und Eis.

LT: Ein weiterer Trend ist die harmonische Kombination von scheinbar gegensätzlichen Geschmacksrichtungen mittels Food Pairing...

Wywiol: An diesem Thema arbeiten wir ebenfalls. Herza bietet für Müslimischungen dunkle Schokoladenstucke mit Matcha und Cranberrys an. Die Kombination aus bitter und fruchtig-säuerlich passt überraschend gut zur herben Schokolade.

LT: Gibt es übergeordnete Trends, die den Messeauftritt und die Tätigkeit der Unternehmensgruppe beeinflussen?

Wywiol: Über allem steht natürlich Haltbarkeit und Convenience. In beiden Bereichen fühlen wir uns zuhause und bestens aufgestellt mit unseren Lösungen für die Lebensmittelindustrie. Daneben liegt unser Fokus während der Frankfurter Messe auf dem Thema Gesundheit. In besonderem Maße gilt dies für unsere Marke SternVitamin, die zeigt wie Hersteller von Getränken, Lebens- und Nahrungsergänzungsmitteln mit speziellen Produktkonzepten neues Wertschöpfungspotenzial generieren können.

LT: Ist der Lohnhersteller SternMaid ebenfalls in Frankfurt vor Ort?

Wywiol: SternMaid ist mit einem eigenen Stand direkt gegenüber vertreten. Besucher können sich über unser Co-Packaging-Angebot informieren, das jetzt auch wiederverschließbare Standbodenbeutel beinhaltet. Sie sehen: Convenience spielt auch bei unserem Lohnhersteller eine große Rolle.


Titel LT
lupe

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